CLARE ISLAND


Irland ist das Land der Märchen. Eine Figur der irischen Geschichtenwelt klingt so phantastisch, dass man sie gerne in den Bereich der Sagen einreiht, dennoch hat sie tatsächlich existiert: Grace O’Malley, die berüchtigte Piratenfrau. Als Kind eines Clanchiefs in das ausgehende 16. Jahrhundert hineingeboren, fuhr sie bereits in jungen Jahres zur See, wurde bald selbst zur Führungsperson der Gefolgsleute ihres Vaters, mit denen sie Schiffe vor der Küste Connemaras überfiel und ausraubte. Es ist gar ein Zusammentreffen überliefert zwischen ihr und Königin Elisabeth I. von England – zwei gleichaltrige Frauen, für ihre Zeit vollkommen untypisch in machtvollen Männerrollen.Die Heimat – Geburts-, Rückzugsort und auch die Grabstätte– dieser in Liedern und Gedichten glorifizierten Gestalt war Clare Island. Hier standen ihre Festungen, die teilweise erhalten sind. Und hier leben noch heute ihre Nachkommen.


Als erster Anlaufpunkt wird man zu einem alten Zisterzienserkloster geführt, erbaut von Grace O’Malleys Ahnen Mitte des 13. Jahrhunderts. Fromm steht man nicht nur vor ihrem Gedenkstein im Kirchenbau, sondern duckt sich unwillkürlich angesichts des gotisch-angelehnten, mit Fresken verzierten Deckengewölbes. Letztere, sogenannte „fresco secco“ (d.h. auf trockenen Putz applizierte Malereien), zeigen ungewöhnlicherweise martialische Jagd- und Kampfszenen aus der Zeit, in der sich der Einfluss der Normannen auch auf Irland ausdehnte: Ritter, mit Speeren bewaffnete Jäger, Eber (im keltischen Glauben ein heiliges Tier und Namensgeber von Inish Turk = Insel des Ebers), Hirsche und Bogenschützen.


Diffuses Licht strömt durch die kerzenförmigen Fenster, das irische Mittelalter ist hier noch immer zu Hause, die Mönche summen ihre monotonen Gebete, das Schiff von Grace O’Malley liegt vor Anker – in der geisterhaft milchigen Welt der Vorstellungskraft, die an diesem Ort inspiriert wird.




Clare Island ist die Insel mit der höchsten Erhebung und gehört zudem zu den drei größten Eilands, neben Achill Island und Turk. Ihrer Ausmaße wird man gewahr bei einem langen Marsch zur imposanten Leuchtturmanlage auf der rückwärtigen Seite. Diese ist heute nicht mehr in Betrieb, bietet aber dennoch einen malerischen Platz für eine Ruhepause. Man sollte sich ihr allerdings nur schrittweise nähern, denn an ihrem Ende stürzt eine Felswand fast 300 Meter in eine alles verschlingende Tiefe.


Auf Clare Island neigt sich der letzte Tag dem Abend zu. Der „Connemara Walk“ endet mit einem feierlichen Abschiedpicknick am Strand, bevor das Boot auf das Festland übersetzt. Und fast meinte man, es läge ein wenig tiefer im Wasser – schwer beladen von Eindrücken.